Unsere Persönlichkeit – ein einmaliges Zusammenspiel von 7 Systemen

Jeder Mensch entwickelt sich im Laufe seines Lebens zu einer einmaligen und unverwechselbaren Persönlichkeit. Es gibt sehr unterschiedliche Persönlichkeitstheorien. Wir wollen hier den systemisch-integrativen Ansatz der PSI-Theorie – entwickelt von Prof. Julius Kuhl – in den Grundzügen darstellen.

Die PSI-Theorie (der Name steht für: Persönlichkeits-System-Interaktionstheorie) beschreibt unsere Persönlichkeit durch die Wechseldynamik verschiedener kognitiver Verarbeitungssysteme.  Das Zusammenspiel der Systeme macht unsere Persönlichkeit aus – wie ein Symphonieorchester, in dem die einzelnen Orchestergruppen auf einmalige und unverwechselbare Art und Weise zusammenspielen.

Orchester als Bild von Persönlichkeit

Die PSI-Theorie legt aufregende Forschungsbefunde vor, die helfen können, sich selbst und andere besser zu verstehen. Die Komplexität der Persönlichkeit kommt in den Blick –   einseitige Erklärungen werden vermieden. Da es auch ein persönlichkeitsdiagnostisches Verfahren gibt (dazu: www.psi-austria.at), das auf der PSI-Theorie beruht, werden differenzierte Blickwinkel auf die Persönlichkeit ermöglicht.

Unser Artikel bringt einen Überblick die 7 Ebenen der Persönlichkeit in der PSI-Theorie.

Die 7 Ebenen der Persönlichkeit

Jeder Mensch entwickelt sich im Laufe seines Lebens zu einer einmaligen und unverwechselbaren Persönlichkeit. Wir können 7 Systeme oder Ebenen unterscheiden, die in ihrem Zusammenspiel die menschliche Persönlichkeit ausmachen.

Das sind die 7-Ebenen der Persönlichkeit:

  1. Reiz-Reaktionsverbindungen
  2. Temperament
  3. Affekte
  4. Progression-Regression als Schaltstelle zwischen den Elementarbenen 1-3 und den höheren Ebenen 5-7
  5. Motive
  6. Kognitionen – Denken und Fühlen
  7. Selbststeuerung – Wille – Volition

Die 7 Ebenen der Persönlichkeit in der PSI Theorie

Ebene 1: Reiz-Reaktionsverbindungen

Der menschliche Organismus ist schon von Geburt an in der Lage, auf Umweltreize zu reagieren. Dafür zuständig ist ein System, das Objekte erkennen und verarbeiten kann (sog.Objekterkennungssystem – OES) und ein System, das motorische Bewegungsprogramme aktiviert (sog. intuitive Verhaltenssteuerung – IVS).

Dieses System reicht von sehr einfachen, elementaren Verbindungen oder Reflexen (z.B. schließt sich das Augenlid bei starkem Lichteinfall) bis hin zu erlernten komplexeren Reiz-Reaktionsverbindungen (z.B. treten wir beim Aufleuchten der Bremslichter des Autos vor uns blitzschnell auf die Bremse).

Solche Reiz-Reaktionsverbindungen können also erlernt werden, bleiben oft sehr dauerhaft und können zuverlässig ausgelöst werden.

Reiz_Reaktion Persönlichkeitsmodell

Ebene 2: Temperament

Wir alle kennen Menschen mit einer höheren Aktivierbarkeit, die keine Minute stillsitzen können oder Menschen, die sehr vorsichtig und zurückhaltend auftreten. Diese Unterschiede zwischen den Menschen hat man schon im Altertum bedacht und auf Basis des Temperaments 4 Typen unterschieden:

TemperamtstypEigenschaften
Sanguinikeraktiv
optimistisch
gesellig
aufgeschlossen
Melancholikerstill
pessimistisch
nachdenklich
passiv
Phlegmatikerruhig
zuverlässig
stabil
kontrolliert
Cholerikerunruhig
aggressiv
impulsiv
erregbar
Übersicht über die klassischen Temperamentstypen

Der Nachteil solcher Modelle: sie sind rein aus der Beobachtung erschlossen – haben aber die moderne Forschung zu diesem Thema inspiriert (vgl. die Arbeiten von Hans Eysenck).

Heute versteht man in Psychologie das Temperament als einen Begriff, der zum Ausdruck bringt, dass das Gesamtsystem des Menschen in zwei Grundzustände versetzt wird:

  • Motorische Aktivierung – die Bereitschaft, sich Menschen, Situationen oder Dingen zu nähern
  • Sensorische Erregung – Empfindsamkeit für potentielle Gefahren, die Meidungsbereitschaft bahnt

Das Temperament – also der Betrag an motorischer Aktivierung und sensorischer Erregbarkeit – ist stabil und schon angelegt. Das hat damit zu tun, dass das Temperament an das Neurotransmitterniveau der sog. Retikularformation im Hirnstamm gebunden ist. Wichtig ist zu wissen, dass das Temperament nur eine allgemeine Aktivierung des Organismus beschreibt – also nicht zielgerichtet ist.

Die Temperamente in einer alten Darstellung

Ebene 3: Affekte als Melder für Bedürfnisse

Das Temperament stellt für das Gesamtsystem Energie für alle möglichen Verhaltensweisen zur Verfügung. Menschen führen jedoch in der Regel nicht irgendwelche Handlungen durch,  sondern ihr Handeln wird von Vorlieben und Abneigungen bestimmt.

Aber warum sollten wir uns überhaupt für andere Objekte interessieren oder Begegnungen vermeiden? Das ist ganz einfach zu verstehen: dahinter steht ein Bedürfnis, das befriedigt werden soll. Wer z.B. ein Hungergefühl hat, wird Ausschau halten, welche Möglichkeiten der Bedürfnisbefriedigung es gibt. Im Laufe der Entwicklung lernen wir, wie unterschiedlich Objekte Bedürfnisse befriedigen, denn durch Begegnungen mit Objekten in der Umwelt machen wir positive und negative Erfahrungen.

Das Ergebnis dieser Lernprozesse: es werden bevorzugt solche Objekte aufgesucht, die mit positiven Erfahrungen verknüpft sind.

Affekte helfen uns also, zielgerichtet vorzugehen und Objekte anzusteuern, die eine hohe Bedürfnisbefriedigung versprechen oder solche Objekte zu meiden, die mit Unlustgefühlen verknüpft sind.

Close up of adorable 6 months old baby laughing

Crying baby close up

Ebene 4 – Progression und Regression

Die bisher betrachteten Systemelemente zählen zu den Elementarsystemen. Ein Organismus, der nur mithilfe dieser Elementarsysteme operierte, hätte Schwierigkeiten, sein Verhalten auf unterschiedliche Kontexte abzustimmen.

In vielen Situationen ist es notwendig, das Verhalten unter Einbeziehung von rationalen Erwägungen und unter Berücksichtigung unterschiedliche Aspekte zu gestalten. Situativ angeregte Reaktionen oder Anreize sollen das Erleben und Verhalten nicht unmittelbar oder ungefiltert bestimmen, sondern dem jeweiligen Kontext angemessen und falls nötig auch unterdrückt werden. Wir nennen dies die Top-Down-Steuerung.

Wird das Erleben und das Verhalten jedoch von den Elementarsysteme bestimmt, so fließt die Steuerung von unten nach oben. Wir nennen das Bottom-Up-Steuerung.

Ein Beispiel für die bottom-up Steuerung: Ein Student möchte für eine Prüfung lernen, jedoch ist die Prüfungsangst stärker als das Vorhaben, sich auf den Lernstoff zu konzentrieren.

Ein Beispiel für die top-down-Steuerung: Wenn ein Zoobesucher vor einem Löwenkäfig steht und nicht von seiner Angst vor Raubtieren geplagt wird.

Progression und Regression

Progression und Regression lassen sich heute sehr gut mit der stressabhängigen Wirkung des Hippocampus erklären.

Ebene 5 – Motive

Im Wort »Motiv« steckt der Begriff “Bewegung”. Unter einem Motiv verstehen wir den Beweggrund für unser Handeln oder anders ausgedrückt: fragen wir nach Motiven, dann wollen wir wissen, was eine Person zu einer Handlung veranlasst bzw. warum eine Person ein bestimmtes Ziel verfolgt,

Motive sind »intelligenter« als bloße Anreize, denn ein Motiv macht gewissermaßen Vorschläge, welche Ziel- und Handlungsbereiche für die weitere Handlungssteuerung ins Auge gefasst werden sollen.

So kann ein Bedürfnis nach Nahrungsaufnahme durch wahlloses Zusammensuchen von Essbarem aus dem Kühlschrank befriedigt werden (Anreizsteuerung) oder durch den Gang in ein Restaurant in netter Begleitung (Motivsteuerung).

Motive sind:

  • umfassende und nur teilweise bewusste kognitiv-emotionale Netzwerke
  • abstrahiert von autobiographischer Erfahrungen
  • sensibel für motivrelevante Handlungsmöglichkeiten in einer Situation
  • kreativ, indem sie Möglichkeiten für motivrelevante Handlungen generieren
  • aktiv, wenn motivrelevante Bedürfnisse steigen

Besonders bedeutsam sind die Motive:

  • Leistungsmotiv
  • Anschlussmotiv
  • Machtmotiv

Diese höheren Motive sind dadurch gekennzeichnet, dass sie das Verhalten intelligent steuern. Es werden viele Lebenserfahrungen einbezogen, die uns sagen in welchem Kontext und mit welchen Handlungen das Bedürfnis am besten befriedigt werden kann.

Wir unterscheiden unbewusste, implizite Motive von expliziten Motiven. Explizite Motive sagen Verhalten in eher klar strukturierten Situationen vorher. Implizite Motive prognostizieren Verhalten in offenen Situationen.

Implizite Motive werden durch intrinsische Anreize angeregt, die in der Aufgabe oder der Tätigkeit liegen. Hingegen werden explizite Motive durch extrinsische Anreize angeregt. Das können soziale Bezugsnormen sein, Konkurrenz-und Wettbewerbssituationen, Leistungsbewertungen, Anerkennung durch andere etc.

Explizite und implizite Motive können im Rahmen der PSI-Diagnostik gemessen werden.

Ebene 6 – Denken und Fühlen

Mit dieser Ebene erreichen wir die höheren kognitiven Verarbeitungsebenen. Auf dieser Ebene haben wir es mit: Denken, Schlussfolgern, Planen. Logik, Sinnerleben, Zielen usw. zu tun.

Auf dieser Ebene sind wir auch in die Lage, über uns selbst nachzudenken, zu reflektieren, Erlebnisse in einen Zusammenahang zu bringen, zu bewerten und sich an Erfahrungen zu erinnern.

Das Denken kann man auch als unser “Ich” im engeren Sinne verstehen. Analytik, Konzentration, Beschränkung, Präzision sind einige der Kennzeichen dieses Systems. Wir brauchen dieses System, um hartnäckig an einer Sache dranbleiben zu können, den Dingen auf den Grund zu gehen und Ziele zu verfolgen. Auch Planen und logisches Schluss ist ganz klar eine der Hauptfähigkeiten dieses Systems. Bei uns Menschen ist dieses System sehr gut ausgebildet und ist im präfrontalen Kortex lokalisiert.

Das Fühlen ist mit dem sogenannten Extensionsgedächtnis (EG) verbunden.  In diesem Gedächtnis sind in einem riesigen neuronalen Netzwerk eigene Erfahrungen, Bedürfnisse, Emotionen, Vorlieben und Werte gespeichert. Wir bezeichnen dieses System auch als unser Selbst. Das Selbst liegt – anders als das Ich –  in einem »impliziten Format« vor; d.h. es ist uns nur in Teilen bewusst.

Denken und Fühlen

Wenn das Selbst aktiv ist, können mehrere Aspekte einer Erfahrung gleichzeitig zum Tragen kommen. Das Selbst liefert also den Zugang zu sämtlichen Lebenserfahrungen, die in einer Situation relevant sein könnten. Es hat also eine “Hintergrundaufmerksamkeit” und kann mehrere Aspekte gleichzeitig verrechnen. Eine Fähigkeit, die dem bewussten Denken abgeht, denn dieses funktioniert schrittweise.Wir können sagen, dass das Selbst auch in schwierigen Situationen den Überblick (innen und außen) behält. Das ist für das Problemlösen ebenso ein Vorteil, wie auch in Stresssituationen.

Wir “fühlen” z.B. in einer Situation, dass “etwas nicht passt” oder wir ahnen, dass die angepeilte Lösung irgendwie “die Beste ist” ohne sagen zu können, was es genau ist.

Das Selbst ist das einzige Teilsystem, das Gefühle integrieren kann. Wer einen guten Selbstzugang hat, der kann auch mit negativen Situationen besser umgehen, indem man sie an sich »selbst« heranlässt. Diese »Selbst«-Konfrontation ermöglicht wiederum das Selbstwachstum. Eine einseitige Betonung des Selbst führt zwar zu einem »coolen« und selbstbewussten Auftreten – birgt jedoch das Risiko, dass nur ein flaches Selbst ausgebildet wird.

Ebene 7 – Selbststeuerung (Volitionssystem)

Eine der zentralen Fähigkeiten des Menschen ist es, seine Handlungen verantwortlich durchzuführen. Das bedeutet wir nehmen an, dass Menschen Einsicht in die Folgen einer Handlung haben, und auch die Willenskraft (Volition) aufbringen können, entsprechend dieser Einsicht zu handeln. Wir erwarten ebenso, dass eine »reife« Persönlichkeit in der Lage ist, seinen Willen auf ein Ziel zu richten, auch wenn impulsive Neigungen des Temperaments, etablierte Gewohnheiten oder starke Bedürfnisse und Wünsche dem entgegenstehen. In diesem Zusammenhang sprechen wir auch von den moralischen Kategorien einer Handlung (gut und böse). Wenn wir annehmen, dass das Volitionssystem an einer sozial unerwünschten Handlung mitgewirkt hat (es war also nicht überfordert), so besteht Handlungsbedarf (Einwirken oder die Gesellschaft schützen). Das Volitionssystem ist stark vernetzt, verfolgt seine Ziele mitunter sehr hartnäckig und ist in der Wahl der Mittel äußerst flexibel. Dieses System reift erst in späteren Lebensjahren (dann, wenn wir Kindern und Jugendlichen nach und nach mehr Selbstverantwortung geben).

In unserem Bild vom Orchester wäre dieses System der Dirigent.

Dirigent als Bild der Selbststeuerung

Die Selbststeuerung kann dabei in unterschiedlichen Formen auftreten:

  • demokratische Selbststeuerung: die Führung hört auf viele Stimmen (Gefühle, Präferenzen, Einstellungen, Wissensbestände, Deutungsmöglichkeiten) und auf Subsysteme (Temperament, Affekt, Kognition, Bewusstsein) und veranlasst diese, an der Zielerreichung »mitzuwirken«
  • autoritäre Selbststeuerung: hier unterdrückt die volitionale Steuerung Prozesse, die die aktuelle Absicht nicht unterstützen. Der Selbstzugang wird eingeengt, dadurch steht die ganze Breite an positiven emotionalen Ressourcen nicht zur Verfügung.

Die PSI-Theorie hat die Selbststeuerung in einzelne Komponenten gegliedert. Dazu liegt auch ein Testverfahren vor, mit dessen Hilfe man die individuelle Ausprägung dieser Kompetenzen messen kann.

Diese Kompetenzen sind sehr gut trainierbar!

Überblick über die Selbststeuerungskompetenzen

Selbstregulation
Diese Skalen messen eine Art »innere Demokratie«: Die Person hört auf viele innere Stimmen (Gedanken, Gefühle, Bedürfnisse) bevor sie sich für etwas entscheidet, mit dem sie sich dann gut identifizieren kann. Positive Stimmung fördert diesen Abgleich.
SelbstbestimmungStehe ich hinter den Zielen, die ich verfolge?
SelbstmotivierungWie gut gelingt es mir, auch unangenehmen Dingen etwas Positives abzugewinnen?
SelbstberuhigungWie rasch gewinne ich meine stabile Stimmung und Aufmerksamkeit unter Stress oder nach einem Misserfolg wieder?
Selbstkontrolle
Um übergeordnete Ziele zu erreichen, müssen eigene Bedürfnisse zunächst zurückstehen oder werden unterdrückt, wenn sie das Erreichen eines Zieles gefährden. Die zeitlich begrenzte Unterdrückung oder Ausblendung eigener Bedürfnisse ist eine notwendige Selbststeuerungsfähigkeit; langfristige Unterdrückung hingegen ist eine häufige Ursache für chronischen Stress oder Energiemangel.
PkanungsfähigkeitWie gut gelingt es mir, planvoll und strukturiert an schwierige Aufgaben und Ziele heranzugehen?
Angstfrie ZielorientierungNeige ich dazu, mir die negativen Konsequenzen eines Scheiterns auszumalen, wenn ich eine wichtige, aber unangenehme Aufgabe nicht rechtzeitig erledige?
Willensbahnung
Die Willensbahnung ist die Fähigkeit, gerade dann, wenn Schwierigkeiten auftauchen, Energie zur Umsetzung von Absichten aufzubringen.
InitiativeBringe ich die nötige Energie zur Initiierung von eigenen/fremden Handlungen auf?
AbsichtsumsetzungBringe ich die Energie zur Umsetzung eigener Absichten auf oder bin ich anfällig für Fremdsteuerung?
KonzentrationsstärkeWie gut kann ich Ablenkungen von außen oder innen unterbinden?
Selbszugang
Diese Skalen messen, wie der Selbstzugang bei negativem Affekt (Bedrohungen, aversive Lebensumstände, Stress) aussieht. Wenn es gut gelingt, negativen Affekt herabzuregulieren, dann bleibt der Selbstzugang auch in schwierigen Situationen intakt. Ist der Selbstzugang nicht so gut ausgeprägt, hat man unter Stress eher das Gefühl der Überforderung.
MisserfolgsbewältigungWie gut gelingt es, aus Fehlern zu lernen?
SelbstgespürWie gut werden Zielen und Aufträgen, die nicht zu mir passen erkannt und ggf. zurückgewiesen?
IntegrationWie gut können widersprüchliche Aspekte und Wahrnehmungen in das eigene Selbstsystem integriert werden?

Wir bieten eine umfassende Analyse der Selbststeuerungskompetenzen auf unserer Website: www.psi-austria.at an. Der Online-Test dauert ca. 20 Minuten und Sie erhalten eine komplette Auswertung!

Ich footnotes