Warum Ziele manchmal mehr schaden als nützen

von | 18:08

Ein philosophischer Jahresrückblick

Befindlichkeit und Achtsamkeit statt Ziele definieren

Die alljährliche Blogparade von Marit Alke zum Thema 2017/2018: Was war – was bleibt – was kommt? hat mich auch dieses Jahr motiviert, eine Jahresrückschau und einen Vorblick auf das Jahr 2018 zu unternehmen. Im Normalfall vergleicht man die am Anfang des Jahres gesteckten Ziele mit der Umsetzung. Aus diesem Soll-Ist-Vergleich lassen sich dann Schlüsse ziehen und neue Ziele abstecken.

Ich nenne dieses Verfahren „klassisch“, weil es viele so machen (ich schließe mich da mit ein) – anderseits ich gerade diese Zielsetzungswut für wenig hilfreich halte.

Ziele setzen – eine abendländische Denktradition

Zunächst sollte man sich vor Augen halten, dass das Denken in Zielen eine zutiefst westliche Denktradition ist. Es ist für unser Denken so selbstverständlich, stets ein Ziel vor Augen haben zu müssen, dass es einem glatt entgehen könnte, dass andere Kulturen (z.B. die indische) diese Zielfixiertheit gar nicht kennen.

Diese Denktradition ist im Denken des Abendlands zu einer Selbstverständlichkeit geworden. Aristoteles ist hier zu nennen, der formuliert, dass den Dingen ein immanenter Zweck innewohnt und das Wesen der Dinge beschreibt. Gegen diese Teleologie haben zwar Philosophen wie Kant und Nietzsche Einwände erhoben: jedoch so einfach bekommt man dieses Denken nicht aus den Köpfen. 2500 Jahre Metaphysik haben Spuren hinterlassen!

Besonders spürbar wird dieses Denken rund um den Jahreswechsel. Solche Wegmarken, die den Jahreslauf unterteilen, führen geradezu zwangsläufig dazu, dass man „sich Ziele setzen“ muss. Wer jedoch Ziele für sich setzt, der impliziert damit, dass er noch nicht ganz bei sich selbst angekommen ist.

Nun könnte man dies als eine rein akademische Diskussion auffassen. Doch reflektieren wir noch einen Augenblick länger darüber, was es heißt, den Menschen als ein noch unfertiges Etwas zu begreifen.

Positiv gesehen folgt daraus, dass sich der Mensch mit dem was er momentan ist nicht abfinden muss, sondern sich auf ein Ziel hin entwickeln kann. Dadurch entsteht eine Spannung auf eine Zukunft hin, die der Mensch durch Betätigung erreichen will.

Das ist jedoch nur die eine Seite der Medaille!

Auf der anderen Seite steht, dass dem Menschen durch das permanente Vorlaufen in eine noch nicht aktualisierte Zukunft Chancen in der Gegenwart entgehen; ja, dass diese Chancen abgewertet und abgelehnt werden. Es ist dann sozusagen ein Leben auf Möglichkeiten hin.

Aufschieben

Wie stark dieses Denken in unsere Alltagserfahrung hineinwirkt, lässt sich am Beispiel des Aufschiebens sehr gut zeigen.

Eigentlich ist es ja paradox: das Entwickeln einer Zielperspektive sollte doch Kräfte mobilisieren. Und wirklich: eine entsprechende Zielvorstellung –  konkret, plastisch. motivierend, attraktiv – erzeugt eine Spannung. Man fühlt in sich ein starkes Bedürfnis, dieses Ziel auch zu erreichen.

Nun könnte es doch eigentlich losgehen. Aber warum klappt es dann häufig nicht so recht1)Empfehlenswert das Buch von Hans-Werner Rückert, Schluss mit dem ewigen Aufschieben, Campus Verlag, 2014?

Ich führe dazu folgende Gründe an:

  1. Wer sich ein attraktives Ziel ausmalt, der kann diesen hypothetischen Zustand so sehr genießen, dass alle Anstrengung um dorthin zu gelangen, unterbleiben kann. Man fühlt sich schon dort – und für das Empfinden macht es keinen großen Unterschied, ob man träumt oder wacht. Siehe auch meinen Blogbeitrag  „Erfolgsbremse positives Denken“
  2. Ein Ziel kann so ideal imaginiert werden, dass man insgeheim schon weiß, dass die Realität dagegen nur ein schwacher Abglanz sein kann. Um das nicht zu erleben, vermeidet man die Realisierung.
  3. Ein Ziel kann auch eine unerfüllbare Illusion sein. Das Aufschieben ist dann aus der Angst vor dem Misserfolg gespeist. Daher unternimmt man lieber nichts, um einen Misserfolg zu vermeiden.
  4. Man kann auch zu viele Ziele haben (ein häufiges Problem). Diese können in letzter Konsequenz zu einer Umsetzungsblockade führen, weil das für die Handlung notwendige Umsetzungssytem ausgebremst wird. Siehe dazu auch mein Video  „Wer merket der rostet“

Vielleicht leidest du selbst an einer Umsetzungsschwäche deiner Ziele. Dann analysiere einmal, welche der oben genannten Gründe auf dich zutreffen.

Abgesehen davon, dass man seinen eigenen Umgang mit Zielen kritisch hinterfragen kann, möchte ich noch anders ansetzen – nämlich bei der für uns so selbstverständlichen Zielfixierung an sich.

Zielfreie Zustände

Ist es denk-bar die Zielfixierung abzustreifen und wenn ja, was hätten wir gewonnen?

Von dem beständigen „Sich-selbst-vorweg-sein“ loszukommen gelingt nur da, wo wir uns auf unser konkretes Dasein beziehen. Das meint jedoch gerade nicht, sich selbst denkend zu zergliedern oder zu analysieren, sondern auf das zu achten (=Achtsamkeit) , was Heidegger als Befindlichkeit2)vgl. Martin Heidegger, Sein und Zeit, Niemeyer, 1979, p.134 bezeichnet. Wenn man der Befindlichkeit Raum gibt, so ist sie ein Anzeiger dafür, wie einem ist und wird. Die Befindlichkeit (oder Stimmung) zeigt an, wie es um mich selbst „bestellt“ ist, und was notwendig zu tun ist.

Einfach gesagt: noch so viele Pläne und Ziele helfen mir nicht, wenn ich nicht in der Lage bin, die momentane Situation zu erfassen.

Oder um in einem Bild zu bleiben: wenn man eine Fahrt mit einem Segelboot unternimmt ist es natürlich wichtig, ein Ziel zu haben und den Kurs abzustecken. Aber auf der Fahrt selbst kommt alles darauf an, die Situation in der sich das Schiff befindet, zu erfassen und flexibel zu reagieren.

Ziele mit Kompass bestimmen

Dieses Erfassen ist für den Menschen ein „Erspüren“ von Stimmung und Befindlichkeit. Das gibt den rechten Kompass ab, um entsprechend zu navigieren.

Damit akzeptiert man jedoch, dass das Kommende nur schwer bestimmt werden kann. Natürlich gibt es im Laufe des Jahres Fixgrößen und auch Zielmarkierungen. Aber was ist das im Vergleich zu den täglichen Herausforderungen, in denen Flexibilität notwendig ist. Diese Flexibilität erreicht man jedoch nur durch Achtsamkeit, ein gutes Selbstgespür, eine geschärfte Wahrnehmung für die aktuelle Situation und Handlungsbereitschaft.

Recht betrachtet ist dieses Handeln natürlich nicht ziellos – es orientiert sich nur am je notwendigen. Das ist aber etwas völlig anderes, als mit Gewalt dem eigenen Dasein eine zwanghaft einzuhaltende Richtung vorschreiben zu wollen.

Persönlicher Rückblick auf 2017

Im Jahr 2017 habe ich viele Ziele verworfen und nicht erreicht. In der Rückschau bin ich darüber sehr froh. Wollte ich Anfang des Jahres noch viel im Marketing tun, habe ich für mich gemerkt, dass es mir wesentlicher ist, Gespräche mit Menschen zu führen, mich inspirieren zu lassen und Netzwerke zu knüpfen. Diese Netzwerke haben jedoch keinen besonderen „Zweck“. Denn darin sehe ich auch ein Problem: Menschliche Beziehungen sollten weit weniger als Mittel zum Zweck3)vgl. auch Kants Formulierung des „kategorischen Imperativs“ „Handle so, daß du die Menschheit sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden andern jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchest.“ Kant, Immanuel, AA IV, 429 betrachtet werden, sondern als Begegnungen. Möglichkeit für solche Begegnungen gibt es auf vielerlei Arten: Podcast-Interviews, Kundengespräche, Seminare, Coachings, Austausch mit Kollegen.

Diese Begegnungen haben für mich ein wichtiges Thema an die Oberfläche geholt, dem ich mich im Jahr 2018 verstärkt widmen möchte: dem Thema der Selbstführung. Kurz umrissen geht es dabei um folgende Fragen4)vgl. das Modell „Train the Eight“ von Heinz-Peter Wallner: https://www.youtube.com/watch?v=iu_xDnz-1nA:

  • Was ist mein Standort?
  • Wie lautet mein persönliches Thema, meine Mission? Was möchte ich neu machen?
  • Was ist meine Haltung, die ich entwickeln möchte? Wie steuere ich mich selbst?
  • Wie bringe ich das, was ich will durch Handlungen in die Welt?

Selbstführung ist deshalb wichtig, weil sie gerade in Zeiten des Wandelns und der großes Dynamik eine Kompetenz ist, die rasches Agieren in Übereinstimmung mit sich selbst ermöglicht.

Um Selbstführung zu entwickeln gibt es meine Coachingangebote und Seminare, die durch den Einsatz unterschiedlicher Methoden Selbstreflexion und Kompetenzentwicklung ermöglichen. Dabei setze ich auch psychologische Testverfahren von Julius Kuhl ein, die Motive und Selbststeuerungskompetenzen erheben. Darauf aufbauend erhalten die Teilnehmenden punktgenaue Entwicklungsimpulse. Wer konkret an seiner Selbstführung mit mir arbeiten möchte, nimmt am besten mit mir Kontakt auf oder schaut auf meine Online-Coachingangebote.

Vieles ist noch in Entwicklung.

Stand heute kann ich gar nicht sagen, wo ich am Ende des Jahres angelangt sein werde.

Und genau das macht das Leben für mich spannend!

Mach doch was Du willst! Mit diesen Tipps Dein Leben erfolgreich gestalten...

Anmerkungen und Nachweise   [ + ]

1. Empfehlenswert das Buch von Hans-Werner Rückert, Schluss mit dem ewigen Aufschieben, Campus Verlag, 2014
2. vgl. Martin Heidegger, Sein und Zeit, Niemeyer, 1979, p.134
3. vgl. auch Kants Formulierung des „kategorischen Imperativs“ „Handle so, daß du die Menschheit sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden andern jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchest.“ Kant, Immanuel, AA IV, 429
4. vgl. das Modell „Train the Eight“ von Heinz-Peter Wallner: https://www.youtube.com/watch?v=iu_xDnz-1nA
Ich footnotes