Erfolgsbremse positives Denken

von | Mrz 20, 2017

Warum positives Denken mehr schadet als nützt

Führungskraft zu sein, ein Unternehmen zu leiten, effektives Management zu betreiben ist sicher keine einfache Aufgabe.

Das musste auch Kai West erfahren. Mit den besten Absichten war er in die neue Position gestartet! Er wollte als Vertriebsleiter die Mitarbeiter motivieren, sie für Ziele begeistern und zu Höchstleistungen anspornen. Irgendwo hatte er gehört, dass „positives Denken“ nützlich sei.

Aber es sollte anders kommen…

Man müsse – so wurde es ihm vermittelt – negative Emotionen in den Griff bekommen, da sie sonst auf die Mitarbeiter „abfärben“. Kai West hatte sogar ein „Feuerlauftraining“ absolviert, um zu lernen, wie man Ziele imaginiert und durch positives Denken unterstützt. So stellte er sich in diesem Training lebendig vor, wie es sein wird, wenn er mit seiner Mannschaft ein Umsatzplus von 10% erreicht.

In den ersten Monaten gelang es Kai West auch gut, in seiner Mannschaft einen Teamspirit aufzubauen, alle waren mit Einsatzfreude dabei und motiviert.

Dann kamen jedoch die Quartalszahlen.

Es lief schlecht.

Ein Umsatzminus von 15%.

Die Mannschaft verstand sich zwar gut, vernachlässigte jedoch die Kundenkontakte.

Was sollte Kai West jetzt tun? Er hatte es sich in seiner Phantasie so schön ausgemalt, wie er seine Mannschaft zu neuen Höchstleistungen bringen würde – und jetzt dieses Desaster….

„Irgendetwas läuft hier falsch“ durchzuckte es Kai West, während er auf den Bus nach Hause wartete.

Da fiel ihm ein Spruch in der Busstation auf: „Die Schwierigkeiten wachsen, je näher man dem Ziel kommt!“ Und – zack – da war sie wieder, die Vision vom Erfolg –  verbunden mit einem guten Gefühl. Kai West lächelte beruhigt…

Kai West ist Opfer des Führungsmythos „positives Denken“ geworden. Es wird gerne empfohlen, dass sich Unternehmer und Führungskräfte ein Ziel „imaginieren“ und mit „positiven Emotionen“ bestücken sollen. Diese mentale Einstellung soll helfen, um Ziele fast mühelos zu erreichen. Wer ein Unternehmen oder eine Abteilung erfolgreich führen will, der muss alles positiv sehen und negative Gefühle möglichst nicht an sich heranlassen. Klingt plausibel – aber ist das auch so?

Positives Denken bringt dich nicht ans Ziel

Um gleich ein Missverständnis auszuräumen: ich habe natürlich gar nichts gegen Optimismus. Optimismus ist „eine Lebensauffassung, in der die Welt oder eine Sache von der besten Seite betrachtet wird; er bezeichnet allgemein eine heitere, zuversichtliche und lebensbejahende Grundhaltung sowie eine zuversichtliche, durch positive Erwartung bestimmte Haltung angesichts einer Sache hinsichtlich der Zukunft“ 1)vgl. Wikipedia-Optimismus.

Für die Führung eines Unternehmens ist das ganz sicher eine gute Voraussetzung. Vermutlich lernt man Optimismus durch das Erleben von Geborgenheit in der Kindheit. Aber auch später kann diese Haltung noch nachgelernt werden 2)vgl. Wolfgang Schmidbauer, Zeit-Online.

Was zeichnet  Optimisten aus?

  • Negative Ereignisse werden als vorübergehend betrachtet. Wenn also das Geschäft schlecht läuft, die Kunden ausbleiben etc. so wird dies nicht als ewiger Zustand gesehen, sondern als zeitweilig.
  • Negatives wird nicht generalisiert. Optimisten vermeiden es, andere Lebensbereiche durch die negative Erfahrung „infizieren“ zu lassen.
  • Gründe für Unangenehmes suchen Optimisten eher außerhalb (bei anderen Personen oder Umständen). Optimisten sagen sich z.B.: „Meine Marketingstrategie war deshalb nicht erfolgreich, weil der Zeitpunkt ungünstig war.“

Positives Denken = lähmender Optimismus

[pullquote]Wer sich zu intensiv vorstellt, dass er schon dort ist, wo er gern sein möchte riskiert, dass er dort nie hinkommt[/pullquote]

Positives Denken ist nun die Übertreibung des Optimismus. Vertreter des positiven Denkens suggerieren, dass es darauf ankäme, negative Gedanken gar nicht erst aufkommen zu lassen. Um im Leben gut fortzukommen, sei es entscheidend, immerfort positiv zu denken und sich den guten Ausgang einer Sache schön vorzustellen und fest daran zu glauben.

Klappt es nicht mit dem positiven Denken, dann war die Überzeugung noch nicht stark genug.  Das klingt natürlich alles nach dem USA-Klischee „vom Tellerwäscher zum Millionär“. Ein berühmtes Beispiel ist Dale Carnegie mit seinem Bestseller „Sorge dich nicht, lebe!“3)Carnegie, Dale; Sorge dich nicht, lebe!, Scherz, 1980., der anhand von zahlreichen Beispielen nachzuweisen versucht, wie man es allein mit positivem Denken schafft.

Von da aus kamen dann diese Ansätze in die Managementlehre und wurden zu einem der hartnäckigsten Managementmythen.
Vor allem Unternehmensgründern wird immer wieder angepriesen, dass es einzig darauf ankomme, sein Unternehmensziel positiv zu beschreiben. Nach dieser Auffassung muss sich der Unternehmer bloß vorstellen, wie es sein wird, wenn man das Ziel erreicht hat. Verstärken kann  man die Wirkung, indem man das Ziel mit einem Satz verbindet und sich diesen mehrmals täglich vorsagt (Affirmationstechnik).
Dann – so die Botschaft – fügt sich der Rest. Und wer ein bisschen Hilfe braucht bei dieser Übung, der wendet sich an einen Coach.

Das hört sich natürlich sehr verlockend an!

Aber ist das so falsch? Auch wenn man vielleicht nicht ganz so weit gehen möchte wie Bärbel Mohr, die gleich empfiehlt, seine Wünsche im Universum zu bestellen4)Mohr, Bärbel; Bestellungen beim Universum, Omega, 2016. – hilft es nicht, wenn man sich seine Wünsche konkretisiert und mit positiven Gefühlen auflädt?

Leider Nein! Es hilft nur wenig.

Positives Denken lähmt das Handeln

Es gibt zu diesem Thema sehr interessante Studien von Gabriele Oettingen (sehr lesenswert das Interview mit der Autorin in der Zeit „Träum das Problem!“5)Link zum Zeit-Interview, die ganz klar nachweist, dass das Schwelgen in positiven Phantasien dazu führt, dass man das Gefühl entwickelt, dass man sich nicht mehr bemühen muss. Ein Zitat aus dem erwähnten Interview:

„Oettingen: In dieser Studie beobachtete ich stark übergewichtige Frauen, die sich für ein Gewichtsreduktionsprogramm angemeldet hatten. Nach Ende des Programms stellte sich überraschenderweise heraus, dass jene Teilnehmerinnen, die sich ihre Zukunft nach dem Programm sehr positiv ausgemalt hatten, weniger abgenommen hatten als die Skeptikerinnen. Ich dachte zuerst, ich hätte falsch codiert oder gemessen, aber in der nächsten Studie erhärtete sich das Ergebnis: Studierende, die sich in ihrem letzten Studienjahr intensiv das schöne Leben nach dem Abschluss ausmalten, verdienten zwei Jahre später weniger als diejenigen, die auch negative Gedanken zuließen.“ 

Wer es sich also antrainiert hat, seine Ziele reflexartig mit positiven Emotionen aufzuladen, sich Zukunftsschwelgereien hinzugeben, der entwickelt geradezu eine Handlungslähmung.

Wie ist das möglich?

Nochmals Gabriele Oettingen: „Zukunftsträume sind angenehm im Moment, auf lange Sicht aber blockieren sie uns. Wer den Erfolg im Geiste schon vorweggenommen hat, hat das Gefühl, er brauche sich nicht mehr zu bemühen. Die Freude hatte er ja schon.“ Warum das so ist, konnte man insofern erklären, als dass angenehme Gefühle auch entspannend wirken. Entspannung bedeutet aber auch, dass das Energieniveau sinkt. Und genau diese Energie steht dann nicht zur Verfügung, wenn wir das Ziel erreichen wollen.

Der WOOP

[pullquote]Die Kunst der Führung liegt darin, Zielen und Hindernissen gleich viel Raum zu geben und konkrete Umsetzungsschritte zu entwickeln [/pullquote]Um deine Rolle als Führungskraft oder Unternehmer bestmöglich auszufüllen, möchte ich dich ausdrücklich ermuntern, mit Realitätsbezug zu führen.

Sonst geht es dir wie Kai West in unserer Geschichte, der einfach nicht erkennen will, dass er sich mit seiner Mannschaft auf einem Misserfolgskurs befindet.

Dabei war ja sein Ziel der Umsatzsteigerung um 10% gar nicht schlecht!

Aber nur dieses Ziel zu imaginieren, der Mannschaft in glühenden Farben das Paradies auszumalen, führt zu nichts, wie wir gesehen haben. Es hebt die Stimmung – das ja – aber für die „Mühen der Ebene“ bleibt dann keine Energie übrig. Man kann den Mitarbeitern da gar keine Vorwürfe machen.

Was hätte Kai West besser machen können? Hätte er nur auf die Schwierigkeiten schauen sollen? Hätte er besser gar kein Ziel gebildet? Oder nur pessimistisch gedacht? Das ist natürlich genauso falsch, wie die einseitige rosarote Brille.

Die Lösung liegt in der Formulierung des angestrebten Ziels und Formulierung der Hindernisse, die es zu bewältigen gilt. Diese WOOP-Methode6)Oettingen, Gabriele; Die Psychologie des Gelingens, München, 2015. von Gabriele Oettingen entwickelt, funktioniert einfach gesagt wie folgt:

  1. Seinen Wunsch, sein Ziel formulieren (= Wish)
  2. Formulieren, was das konkrete Ergebnis sein wird, das man sich erwartet (= Outcome)
  3. Hindernisse, die es zu bewältigen gilt (= Obstacles)
  4. Plan entwickeln, der viele Vorsätze beinhaltet (= Plan)

Ganz wichtig ist bei dieser Methode die Reihenfolge!7)vgl. auch den Artikel bei zeitzuleben.de

Der Erfolgsturbo: Vorsätze

[pullquote]Absichten sind allgemeine Zielintentionen. Vorsätze sind konkrete Handlungspläne.[/pullquote]

Die WOOP-Methode geht von Wünschen oder Absichten aus. Unter Absichten versteht man die Ziele im landläufigen Sinn – etwa „Ich möchte meine Mitarbeiter gut führen.“ oder „Ich strebe eine gesunde Lebensführung an.“

Die Kontrastierung mit den Hindernissen führt dazu, dass Absichten konkreter und unrealistische Erwartungen modifiziert werden. Um deine Absichten umzusetzen, benötigst du einen Plan.

Peter Gollwitzer8)siehe Wikipedia konnte in vielen Studien9)Bayer, U.C.; Gollwitzer,P. et. al., Responding to subliminal cues: Do if-thenplans cause action preparationand initiation without conscious intent?, Social Coggnition, 27, 183-20. zeigen, dass Absichten  besonders gut funktionieren, wenn sie nach dem Wenn-Dann-Prinzip (Wenn diese  konkrete Bedingung eintritt, Dann mache ich X) besonders gut funktionieren.

Die Absicht „Ich möchte meine Mitarbeiter gut führen.“ könnte zum Beispiel durch folgenden Vorsatz konkret unterstützt werden: „Wenn der Mitarbeiter beim nächsten Mitarbeitergespräch den Raum betritt, dann lächle ich ihn freundlich an.“ Der Umsetzungsprozess läuft nach einigen Malen Übung automatisch ab.

Für den guten Ablauf der Handlungen ist es allerdings entscheidend, positive Emotionen abzurufen! Eine gute Stimmung beflügelt die Umsetzung. Das hat jedoch gar nicht mit „Denken“ zu tun, sondern mit „Spüren“.

Zusammenfassung

  1. Positives Denken nützt nicht viel um Ziele umzusetzen
  2. Betrachte das Ziel und mache dir die Hindernisse bewusst
  3. Entwickle dann konkrete Pläne nach dem Wenn-Dann-Prinzip
  4. Bemühe dich während der Umsetzungsphase um eine positive Stimmung

Und jetzt freue ich mich auf deine Meinung!

  • Was sind deine Erfahrungen?
  • Wie hältst du die Balance zwischen Wünschen und Schwierigkeitsbeachtung?
  • Bist du vielleicht ein erfolgreicher Pessimist?
  • Was ist dein Erfolgsrezept?

Anmerkungen und Nachweise   [ + ]

1. vgl. Wikipedia-Optimismus
2. vgl. Wolfgang Schmidbauer, Zeit-Online
3. Carnegie, Dale; Sorge dich nicht, lebe!, Scherz, 1980.
4. Mohr, Bärbel; Bestellungen beim Universum, Omega, 2016.
5. Link zum Zeit-Interview
6. Oettingen, Gabriele; Die Psychologie des Gelingens, München, 2015.
7. vgl. auch den Artikel bei zeitzuleben.de
8. siehe Wikipedia
9. Bayer, U.C.; Gollwitzer,P. et. al., Responding to subliminal cues: Do if-thenplans cause action preparationand initiation without conscious intent?, Social Coggnition, 27, 183-20.
Ich footnotes